Einspruch gegen Abwertung von ambulanten HNO-Eingriffen und Narkosen im Kindesalter

Dr. med. Christian Deindl, Präsident Bundesverband
Ambulantes Operieren (BAO e.V.)

Sehr geehrter Herr Dr. Gassen, sehr geehrter Herr Dr. Casser,
 
auch wenn seit der vorweihnachtlichen Bekanntgabe der Absenkung der Vergütung von ambulanten HNO-Eingriffen im Kindesalter einschließlich der dazu notwendigen Kindernarkosen bei Ihnen zahlreiche Proteste und berechtigtes Unverständnis der davon betroffenen ambulanten OperateurInnen und AnästhesistInnen eingegangen sind, möchte ich als Vertreter des BAO dennoch zu diesem nicht nur unverständlichen, sondern auch unerhörten Vorgang explizit Stellung nehmen. Schließlich vertritt der BAO seit über 30 Jahren fach- und neuerdings auch sektorenübergreifend das ambulante Operieren als eigene Versorgungsentität und ist maßgeblich an den heute vorherrschenden Qualitätsstandards beteiligt. Hinzu kommt, dass ich als bis 2021 langjährig niedergelassener Kinderchirurg und Kindermediziner sehr wohl über etwas tieferen Einblick in die Materie ambulantes Operieren und Narkosen im Kindesalter verfüge als manche an dieser eklatanten Fehlentscheidung Mitwirkenden. So war in meinem kinderchirurgischen OP-Zentrum die Option für HNO-Kolleginnen und -Kollegen gegeben, dort eigenständig bei Kindern zu operieren oder dies in Kombination mit ebenfalls selektiv geplanten kinderchirurgischen Eingriffen. Diese Schnittmengen ergeben sich aus der zeitgleichen Häufung bestimmter Diagnosen aus beiden Fachgebieten mit bestimmten Altersgipfeln. Das dafür notwendige OP-Equipment einschließlich Mikroskop wurde von mir vorgehalten. Wenn Kindernarkosen per se bereits ein hohes Maß an anästhesiologischer Erfahrung voraussetzen, so erfordern Adenotomien und Tonsillotomien noch zusätzlich erhöhten intra- und postoperativen Aufwand. Es war und ist unerträglich und entspricht dem Tatbestand der Leistungserschleichung, dass Kostenträger und in deren Auftrag die KVen nur eine der beiden Narkosen anerkennen und vergüten, wenn es sich um eine Kombination aus HNO- und Kinderchirurgischen Eingriffen handelt. Wir haben damals diese fachfremde und somit von Laien zu verantwortende Willkür im Interesse unserer kleinen Patienten, deren Eltern und Familien hingenommen. Regelmäßige Widersprüche gingen ins Leere. So viel zur Vorgeschichte, die zu kennen wichtig ist, um den aktuellen Vorgang in seiner gesamten Tragweiter erkennen zu können und umso skandalöser erscheinen zu lassen. Wer statt einer Aufwertung der Vergütung deren Kürzung vornimmt, tut dies unter bewusster, ergo vorsätzlicher Inkaufnahme von Qualitätsabstrichen bzw. des Wegfalls ambulanter HNO-Eingriffe bei Kindern durch niedergelassene VertragsärztInnen. Was die Nichteinhaltung von Qualitätsstandards für Konsequenzen hat, belegen jedes Jahr immer wieder ernste Zwischenfälle bei zahnärztlichen Narkoseeingriffen im Kindesalter. Deshalb plant der BAO in Kooperation mit dem APS die Herausgabe einer Info-Broschüre für Eltern und Haus- und KinderärztInnen, um beide Seiten für dieses Thema zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen, worin die eigentlichen Risiken liegen und wie sich diese proaktiv vermeiden lassen. Bestmögliche Patientensicherheit ist das höchste Gut in der Patientenversorgung. Sie erfordert ein hohes Maß an Struktur- und Prozessqualität und eine entsprechend leistungsgerechte und kostendeckende Vergütung. Wenn KinderanästhesistInnen explizit darauf hinweisen, dass unter den von Ihnen mitzuverantwortenden neuen Rahmenbedingungen sich HNO-Eingriffe bei Kindern aus dem ambulanten Bereich wieder in den Kliniksektor zurückverlagern werden mit der logischen Folge mehrmonatiger Wartezeiten, dann wird diese aus fachlicher Sicht und aus der Patientenperspektive gezielt herbeigeführte Regression in unserem Gesundheitssystem von nichtoperativer ärztlicher Seite auch noch begrüßt mit der Bemerkung, ob eine OP bei so lange tolerierter Wartezeit denn überhaupt nötig sei. Seien Sie versichert, es gibt eine Vielzahl von Kindern in Deutschland mit bestenfalls verzögerter Sprachentwicklung oder gar irreversibler Einschränkung ihres Hörvermögens, weil viel zu lange gewartet und entsprechend spät operiert wurde. Im Wort Irreversibel verbirgt sich das Wörtchen „irr“, und nicht anders lässt sich diese – im Übrigen im änd nachzulesende – „Expertenmeinung“ konnotieren. Gleiches gilt auch für die Beschlussfassung der hier kritisierten Vergütungsmanipulation. Sie mögen diesen Ausdruck entrüstet von sich weisen, aber einen passenderen gibt es nicht. Denn wie auf dem Forum Ambulantes Operieren vom GKV-Vertreter in seinem Referat und in seinen Diskussionsbeiträgen unverhohlen angekündigt, wird die Aufwertung einiger weniger ambulanter Eingriffe kosten- und punktsummenneutral durch die Abwertung anderer, v.a. häufig indizierter Eingriffe wie aus dem Fachgebiet HNO gegenfinanziert. Es ist unbestritten, dass diese Regelung bereits zu diesem Zeitpunkt zwischen GKV und KBV fest vereinbart war. Dies erklärt auch , weshalb so auffällig schnell ein zweiseitiger Vertrag zustande kam unter Ausschluss der DKG und der interessierten fachärztlichen Öffentlichkeit. Und weshalb sich KBV und GKV gegen die Einführung der Vergütung nach (Hybrid-)DRG wehren. Es würde den Verlust über die „Honorar - Auf- und Ab(be)wertung“ ohne wirklichen kalkulatorischen Maßstab und betriebswirtschaftlich-unternehmerisches Augenmaß sowie das Ende der Billigstpreise für ambulante Operationen und ambulante Narkosen bedeuten. Mit Ihrer Fehlentscheidung bewirken Sie zweierlei Kollateralschäden: 1. Die Fortführung bzw. Ausweitung der AOP - Unterfinanzierung mit Stagnation bzw. weiterem Rückgang der ambulanten OP-Zahlen und 2. Schaffung eines ambulant-klinischen dritten Sektors als Folge der Nichteinigung mit der DKG, und somit das glatte Gegenteil der geplanten Aufhebung von bisherigen Sektorengrenzen. Beide Male werden PatientInnen diesen Angebotsverlust an fachärztlicher Kompetenz und Qualität zu spüren bekommen.
Somit bleibt nach einem halben Jahr intensiver Bemühungen für eine nachhaltige schrittweise Umsetzung der Ambulantisierung und des AOP-Kataloges für ambulante operierende Facharztpraxen, AOZ und Praxiskliniken der übliche KV-Honorarscherbenhaufen, während Kliniken aus diesem halbherzigen Systemwandel als Gewinner hervorgehen. Letzteres nicht allein durch die asymmetrische Gunsterweisung des Gesundheitsministers, sondern auch durch das zum Überdruss bekannte und vorhersehbare Verhandlungsgeschick der KV und deren erneut bewiesenen Reformunwillen. Die Niederlassung als ambulant operierende FachärztInnen ist unter diesen Gegebenheiten keine Empfehlungsoption mehr für den weiteren beruflichen Lebensweg. Somit haben Sie als Zugabe auch noch die Unveräußerlichkeit operativ – anästhesiologisch ausgerichteter Facharztpraxen eingeläutet, für die Sie nicht einmal Unterstützung zur Bewältigung inflationär gestiegener praxisbetrieblicher Fixkosten erwirken konnten. Dafür aber problemlos eine reduzierte Vergütung. HNO soll auch wohl erst der Anfang dieser Abwärtsspirale sein?
Ich bin mir sicher, 2023 wird vor diesem Hintergrund ein Jahr massiv verschärfter Diskussionen. Und der BAO wird ein Teil davon sein, denn die Grenze der Zumutbarkeit ist definitiv überschritten worden und die als selbstverständlich vorausgesetzte Ergebenheitselastizität der Kolleginnen und Kollegen ist aufgebracht.
Bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen zu Ihrem jüngsten AOP-Coup aus den soeben genannten (Ab)Gründen nicht gratulieren kann, Ihnen aber dennoch für das neue Jahr alles Gute und vor allem eine deutlich geringere Schadensbilanz zu Lasten ambulanter OperateurInnen und AnästhesistInnen wünsche.

Mit freundlichen Grüßen
 
Dr. med. Christian Deindl
 
Präsident Bundesverband
Ambulantes Operieren (BAO e.V.)

Kontakt:
BAO Geschäftsstelle Joachim-Karnatz-Allee
10557 Berlin Tel. 030-31958413
buero@bao.berlin
https://www.operieren.de + https://www.op-netzwerk.de

Chirurgen Magazin + BAO Depesche

Heft 106 | Ausgabe 4 – November 2022
Gesundheitspolitik: Anhaltender Protest gegen Sparzwang auf Kosten der Praxen
weiter

OP-Netzwerk

2021 OP-Netzwerk | Ein Service des BAO e. V. Auf OP-Netzwerk finden interessierte Ärztinnen und Ärzte umfangreiche Informationen, hilfreiche Tipps und wichtige Anlaufstellen rund um das Thema "Ambulantes Operieren". !
weiter

Bundeskongress Chirurgie 2023

Einladung zum Bundeskongress Chirurgie vom 10.-11. Februar 2023 im NürnbergConvention Center. Anmeldung, Programm, Seminare/Kurse
weiter

Helmsauer Gruppe

Persönlicher Kontakt, Vertrauen und Stabilität stehen bei uns an erster Stelle, wenn es um die Betreuung unserer Kunden geht...
+ Kompetenz aus jahrzehntelanger Erfahrung + Spezialisierung auf Ihre Bedürfnisse + Mehrwerte über exklusive Rahmenverträge
weiter

Partner PKG

Die Deutsche Praxisklinikgesellschaft (PKG) e.V. ist ein Zusammenschluss von Operationszentren, Tages- und Praxiskliniken und medizinischen Versorgungszentren, in denen ambulante und praxisklinische Operationen durchgeführt werden.
weiter

Partner AND

Das AND e.V. als Zusammenschluss regionaler Anästhesie-Netze und –Genossenschaften vertritt auf Bundesebene Interessen der freiberuflich tätigen und niedergelassenen Anästhesisten.
weiter

Partner DGH

Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie
weiter

BVASK

Der Berufsverband für Arthroskopie e. V.
weiter